Die ökologische Stadt - eine Absurdität von Dr. Frank Lohrberg, Stuttgart
Die ökologische Stadt - eine Absurdität Eine ökologische Stadt zu bauen, ist ein absurdes, also im lexikalischen Sinne ungereimtes, unlogisches und widersprüchliches Unterfangen. Warum? Die "ökologische Stadt" wird hier als Stadtmodell verstanden, als eine Anleitung zum "ökologischen Stadtumbau" oder zur "ökologischen Stadterneuerung". Die ökologische Stadt dient damit als Leitbild einer grundlegenden Neuorganisation der Städte. Die folgenden Ausführungen könnte man auch auf das ökologische Dorf, die ökologische Landschaft und auch auf ökologisches Reisen oder ökologische Politik ausweiten. Immer dann, wenn das "Ökologische" einem Begriff zugeordnet wird, erhält die so entstandene Kombination etwas Programmatisches, in die Zukunft Weisendes und von der Gegenwart Forderndes. Auf diesen normativen Gebrauch zielt die Eingangsthese von der Absurdität (vgl. Hard 1994).
Stadtökologie und ökologische Stadt Die Ökologie befasst sich mit den Wechselbeziehungen zwischen den Organismen und der unbelebten und belebten Umwelt. Sie untersucht deren zeitliche Entfaltung und Krisen in deren Entwicklung sowie Mechanismen der Wiederherstellung von Gleichgewichten. Damit besitzt die Ökologie eine beschreibende Rolle, sie beobachtet und erklärt Prozesse. Ein Stadtökologe kann so erklären, warum eine mitteleuropäische Stadt wärmer ist als ihr Umland und wie das die Ansiedlung südeuropäischer Pflanzen begünstigt. Auch wenn wir den einen Vorgang als wünschenswert erachten und den anderen ablehnen: die Ökologie beschreibt den Vorgang nur, wie es auf anderen Feldern Physik, Statik oder Wärmelehre tun. Man kann mit ökologischen Wissen dichte und warme Städte bauen, aber auch aufgelockerte und kühle. Welcher Variante der Vorzug zu geben ist, kann die Ökologie nicht sagen. Hier könnte die Argumentation schon abgeschlossen sein: eine ökologische Stadt zu fordern ist absurd, da jede Stadt im genannten Sinne ökologisch ist. An dieser Stelle wird der Diskurs jedoch erst interessant. Ohne Zweifel ist die ökologische Stadt ein normatives Konzept. Der Wechsel von der Stadtökologie zur ökologischen Stadt ist mehr als ein Wechsel der Perspektive, es ist ein Sprung vom "Sein" zum "Sollen". So ähnlich die Begriffe klingen, so unterschiedlich ist ihr Inhalt und ihre Zielrichtung. Kann man aus der Stadtökologie die Werthaltungen und Normen einer ökologischen Stadt "ableiten"? Dann müsste die Stadtökologie im Kern die "richtigen" Werte beinhalten, die nur freizulegen wären. Auch dieser Vorgang ist absurd. Es ist gerade das Prinzip der Wissenschaft, wertfrei zu sein. Erst damit erkauft sie sich ihre Objektivität: "Der Kompetenzbereich der Wissenschaft ist beschränkt, insbesondere fallen sämtliche erkenntnisfremde Werturteile und Normierungen außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs." (Seiffert & Radnitzky 1992) Man spricht sogar von einer "Nichtableitbarkeitsthese", wonach es logisch unmöglich ist, "aus Prämissen, die sämtlich deskriptiv sind, eine echte Bewertung abzuleiten" (ebd.). Seel (1996) hat es so ausgedrückt: "Die Kriterien unserer Erkenntnis der Natur, auch wo es naturalistische sind, sind keine Kriterien der Natur. Nur unsere Maßstäbe können für uns Maßstab sein: hinter dieses kantische Bewusstsein kann heute niemand zurück." Dennoch stellt die Ableitung von Maßnahmen und Empfehlungen aus den Bestandsanalysen eine der häufigsten Methoden räumlicher Planung dar. Die Ausführungen bedeuten nicht, dass die Ökologie keine Rolle in der Stadtplanung spielen soll. Es soll nur gezeigt werden, dass diese Rolle keine normative, handlungsweisende und sich selbst legitimierende Rolle ist. Ökologie ist heute wichtiger denn je, doch können wir nur damit, nicht aber daraus Städte bauen. Eine empirische Wissenschaft vermag niemanden zu lehren, was er soll, sondern nur was er kann - und unter Umständen - was er will.
Zur Rolle der Stadtökologen Im Lichte dieser Erkenntnis lässt sich nun die ökologische Stadt als Konzept näher betrachten. Zunächst stellt sich die Rolle der Stadtökologen anders dar. Ihre wissenschaftliche Legitimation erstreckt sich nicht länger vom "Wissen" zum "(Hin)Weisen". Sie müssen akzeptieren, dass man sie lediglich am Wahrheitsgehalt oder an der Schlüssigkeit ihrer Beschreibungen misst. Sobald sie jedoch stadtplanerische Forderungen stellen, müssen sie ihren spezifischen Werthintergrund offen legen. Im Gegensatz zur Beschreibung des Ökosystems Stadt besteht dafür keine wissenschaftliche Legitimation. Durch diese Argumentation in Bedrängnis gesetzt, könnten Stadtökologen zum großen Wurf ausholen und die Ökologie zu einer neuen Wissenschaft proklamieren, die "mit eingebauter Vorfahrt" automatisch die richtigen Werturteile trifft. Wie eine solche Wissenschaft aussähe bliebe aber unklar. Wer setzt hier die Wertungen? Eine so verstandene Ökologie ist gegenaufklärerisch: "Umwelt, Natur, Ökologie, Heimat, Region, Identität" sind für HARD (1994) Begriffe, die, soweit sie den Anspruch haben, "für ein Ganzes zu sprechen", zu einer "Ideologisierung", zur "Suche nach einer letzten Wahrheit" führen, im Grunde aber nichts anderes sind als "unverarbeitete Orientierungsverluste und Nichtertragenkönnen von Unsicherheit". Meines Erachtens muss sich die Ökologie von der ökologischen Stadt als wissenschaftlichem Konzept verabschieden. Sie muss stärker trennen zwischen beschreibenden und wertenden Aussagen. Sogenannte ökologische Ziele lassen sich dann auf gesellschaftliche Ziele reduzieren. Die Trennung zwischen ökologischen und sozialen Zielen - so wie sie auch im Konzept der Nachhaltigkeit zu finden ist - ist so gesehen nicht länger tragbar. Dies ist sicherlich ein schmerzhafter Prozess für die Ökologie, da ihre scheinbare automatische Legitimation entfällt und ein grundlegender Begründungszwang auftritt. An dieser Läuterung führt jedoch kein Weg vorbei: dass sie noch nicht vollzogen wurde, rächt sich heute bitter mit einem allgemeinen Akzeptanzverlust des Umweltschutzes. Arten- und Biotopschutz ist kein Selbstzweck. Es geht um die Verantwortung für kommende Generationen und deren Freiheit, in einer selbstbestimmten Umwelt zu leben. Darauf hat Kaule (1991) unter Berufung auf Spaemann hingewiesen: "Nach SPAEMANN (1983) ist es eine Voraussetzung für Freiheit, auch die natürlichen Entwicklungsbedingungen für die Zukunft zu erhalten. ... In diesem Sinne ist unser Umgang mit der Natur unmoralisch, wenn wir Arten ausrotten, ihre Verbreitung erheblich einschränken, denn dann geben wir die Erde in einem reduzierten Zustand weiter, der die Möglichkeiten zukünftiger Generationen verringert. Wir leben dann vom Kapital und nicht von den Zinsen." Hier wird ein wesentliches Ziel der ökologischen Bewegung, nämlich das des Schutzes von Arten und Biotopen auf eine gesellschaftliche Wertgrundlage gestellt.
Werte und Ideologisierung Einen Ansatz, vermeintliche ökologische Ziele auf gesellschaftliche Ziele zu reduzieren, offeriert die Bedürfnispyramide nach Maslow. Darin werden Bedürfnisse des Menschen in ihrer Bedeutung für die "physische", die "psychische" und die "geistige Seinsebene" hierarchisiert. Auch ein ökologisches Ziel wie der Arten- und Biotopschutz kann auf diese Grundbedürfnisse reduziert werden. Die Erhaltung einer Schmetterlingsart dient dann nicht primär dazu, die Natur im vermeintlichen Gleichgewicht zu halten, sondern vielleicht um die physische Existenz des Menschen zu garantieren: weil die Raupenkokons zur Textilienherstellung dienen. Oder es geht um die ästhetische Erbauung im Sinne der persönlichen Weiterentwicklung und der Sinnfindung des Menschen. Oder aber: Die Schmetterlinge bestäuben Pflanzen, deren Samen wichtige Nahrungsquelle anderer Arten sind, wobei es aber unklar bleibt, wie stark diese Arten im einzelnen betroffen sind und welche Auswirkungen dies wiederum auf die Grundbedürfnisse insgesamt hätte. Der Schutz der Schmetterlinge wäre dann ein Gebot der Risikominimierung, damit aber noch längst kein Selbstzweck, sondern bliebe abhängig vom Grad des Bedürfnisses nach Sicherheit des einzelnen bzw. der Gesellschaft.
Das Fazit dieser Ausführungen könnte man als ein "postökologisches" bezeichnen: Die Ökologie muss auf ihren deskriptiven Anteil zurückgeführt werden, ihr normativer Anteil muss sich als soziales Konzept darstellen. Das befreit nicht von den physischen ökologischen Grenzen, aber von denen im Kopf. Eine solche Vorgehensweise ist offen für Diskussionen, für Pluralität und Wertewandel. Dermaßen entschlackt, ergeben sich neue Sichtweisen, auch auf "grüne" Stadtutopien der Vergangenheit. Die ökologische Stadt entpuppt sich dann nicht selten als ein tendenziell stadtfeindliches Modell. Was unter der Prämisse einer Ökologisierung der Stadt an Grünzügen und innerstädtischer Biotopvernetzung vorgeschlagen wurde, lässt sich oftmals auf eine ästhetische Wunschvorstellung reduzieren, in der Natur idealisiert wird und als "gesunder" Gegenpol in die "kranke" Stadt hineingeholt wird.
Eigenwert der Natur Die vorgeschlagene Methode, ökologische Motive als Bedürfnisse des Menschen bloßzulegen, spricht der Natur einen Eigenwert ab. Natur wird nur aus anthropogenen Motiven, immer nur für den Menschen geschützt. Natur um ihrer selbst zu schützen, wie es die Naturschutzverbände in ihren Stellungnahmen zur Novellierung des Naturschutzgesetztes forderten, macht damit keinen Sinn. Der Mensch kann die Natur nicht anders sehen als in Relation zu sich selbst. Per Definition von Wert kann er diesen nur zuweisen, nicht aber entgegennehmen. Und wie sähe diese Natur um ihrer selbst Willen aus? Welche Natur ist gemeint? Vielleicht die edle und wilde Natur, das klassizistische Ideal des emanzipierten Bürgers? Oder die gezähmte, in Dienst genommene Natur der Kulturlandschaft, das romantische Ideal des Heimatschutzes? Oder aber die ruderale, spontane und selbstorganisierte Natur innerstädtischer Brachflächen als Ideal einer allseits geregelten Dienstleistungsgesellschaft. Die Aufzählung (vgl. auch Kowarik 1992) verdeutlicht: Natur stellt nicht nur ein Medium an sich dar, sondern wird entscheidend durch die Sichtweise auf sie bestimmt. Natur ist damit immer ein soziales Konzept. Was Gesellschaft nicht ist, aber sein soll, wird als Natur idealisiert. Natur als Gegenwelt - aber eben nicht als Eigenwert. Diese aufklärerische Sicht der Dinge löst Unbehagen aus. Wir empfinden einen Verlust. Wenn Natur als menschliches Konzept, als anthropogene Konstruktion gedacht wird, verliert sie dann nicht ihren Reiz, ihre Fähigkeit durch Anderssein, durch ein Sich-Entziehen vom menschlichen Einfluss einen Gegenpol darzustellen? "Es muss auch Spiel und Unschuld sein und Blütenüberfluß..." formuliert Hesse und fordert so die Dimension des Anderen, Nutzlosen, Verspielten, "sonst wär die Welt uns viel zu klein und Leben kein Genuß". Die Natur bildet einen solchen Maßstab für den Menschen. Mit ihr kann der "eigene Entwurf am Sinngeschehen der Welt" (Seel 1996) bemessen werden. Dieser Maßstab jedoch, das ist das Beruhigende, scheint von erstaunlicher Zähigkeit zu sein: So hat die Kulturlandschaft trotz ihrer starken menschlichen Prägung nicht die Funktion verloren, als Natur scheinen zu können. Der Städter setzt Kulturlandschaft mit Natur gleich, eine (romantische) Selbsttäuschung, um das Ideal Natur als Maßstab menschlichen Schaffens bewahren zu können. Auch Hesse scheint um diese Zähigkeit zu wissen. "Es muss ... Unschuld ... sein", fordert er nicht gerade zimperlich, angesichts der Flüchtigkeit und Empfindlichkeit des Phänomens. Und es geht: man kann Unschuld herstellen, kann sie inszenieren. Ein gepflanzter Wald wird zum natürlichen Wald, ein Schuttplatz zur Wildnis. Parks als künstliche Landschaften können Natur in ihrer gegenweltlichen Dimension vermitteln. HARD (1994) definiert Natur "als das, was das Gesetz seiner Bewegung in sich hat". Es ist diese Eigenbewegung, die dazu führt, dass Natur sich letztlich immer einer vollständigen Inanspruchnahme entziehen kann, ja das dies ihr Wesen ist: sich vom Menschen zu entfernen und ihm damit Gleichgültigkeit zu signalisieren. Dieses Eigenleben - sei es nun real oder zugedacht, sei es gegeben oder initiiert - ist die Voraussetzung einer ästhetischen Inanspruchnahme im Sinne der Suche nach einem außermenschlichen Maßstab. Eine aufgeklärte Sicht der Dinge tut dieser Suche keinen Abbruch. Und einen Eigenwert der Natur bedarf es dafür auch nicht.
Literatur Hard, G. (1994): Die Natur, die Stadt und die Ökologie - Reflexionen über "Stadtnatur" und "Stadtökologie". In: Ernste, H. (Hg.): Pathways to Human Ecology. Bern Kaule, G. (1991): Arten- und Biotopschutz. Verlag Ulmer. Stuttgart Kowarik, I. (1992): Das Besondere der städtischen Flora und Vegetation. In: Natur in der Stadt. Schriftenreihe des Deutschen Rates für Landespflege, Bd. 61., S. 33-47 Maslow, A. (1977): Motivation und Persönlichkeit. Deutsche Ausgabe. Olten Seiffert, H. & Radnitzky, G. (Hrsg.) (1992): Handlexikon der Wissenschaftstheorie. Unveränderter Nachdruck. Dt. Taschenbuch-Verlag, München Seel, M. (1996): Eine Ästhetik der Natur, suhrkamp taschenbuch wissenschaft, Frankfurt am Main |
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